Inflation, Baby!

Alles wird teurer: Essen, Miete, Mobilität. Die Konsument*innen können keine Preise erhöhen, auch nicht ihr Gehalt. Sabine Nuss fordert radikale Preiskontrollen.

Erschienen in: Neues Deutschland, 1. Juni 2022

»Wir kön­nen nicht so tun, als wenn die Infla­ti­on an den Mie­ten vor­bei­geht«, sag­te Vono­via-Chef Rolf Buch am Mitt­woch gegen­über dem Han­dels­blatt. Er kün­dig­te damit an, was im Grun­de zu erwar­ten war: Woh­nen bei Vono­via wird teu­rer wer­den. Noch teu­rer. Der Kon­zern ist mit sei­nen 565 000 Woh­nun­gen Deutsch­lands größ­tes Immo­bi­li­en­un­ter­neh­men. Das Geschäfts­mo­dell ist schlicht, wie in Markt­wirt­schaf­ten üblich: Das Bedürf­nis der einen wird zum Mit­tel der Berei­che­rung der anderen.

Vono­via kann nicht kla­gen. Die Gewinn­kur­ve steigt in der Ten­denz und jüngst wur­de eine leich­te Erhö­hung der Divi­den­de beschlos­sen. Es sind die in die Zukunft gerich­te­ten Erwar­tun­gen, die ein Unter­neh­men wert­voll machen. Je weni­ger die Poli­tik gewillt ist, die­se Erwar­tun­gen zu ent­täu­schen, des­to rosi­ger die Aus­sich­ten. Und da kön­nen sich die Immo­bi­li­en­kon­zer­ne der­zeit beru­higt zurück­leh­nen. Ins­be­son­de­re in Ber­lin. Der Volks­ent­scheid für die Ver­ge­sell­schaf­tung gro­ßer Immo­bi­li­en­kon­zer­ne, initi­iert von der Kam­pa­gne Deut­sche Woh­nen & Co ent­eig­nen, ist zwar von den Wähler*innen mit deut­li­cher Mehr­heit befür­wor­tet wor­den, doch die regie­ren­de Sozi­al­de­mo­kra­tie erweckt den Ein­druck, lie­ber einer Ver­ge­sell­schaf­tung als den gehei­lig­ten Inves­to­ren Stei­ne in den Weg legen zu wollen.

Die Aus­sich­ten auf wei­te­re Gewin­ne und Divi­den­den sind vor die­sem Hin­ter­grund nicht die schlech­tes­ten. Wenn nicht die der­zeit galop­pie­ren­de Infla­ti­on wäre, die die­sem gan­zen Spiel einen Strich durch die Rech­nung zu machen droht. Die durch­schnitt­li­che Vono­via-Mie­te ist im ers­ten Quar­tal die­sen Jah­res auf 7,40 Euro pro Qua­drat­me­ter gestie­gen. 3,1 Pro­zent mehr als im Jahr vor­her. Das liegt unter­halb der Infla­ti­ons­ra­te von der­zeit fast acht Pro­zent. Mit ande­ren Wor­ten: Infla­ti­on, Baby: Die Ren­di­te ist in Gefahr. Nun dürf­te Vono­via kei­ne Aus­nah­me sein. Ein bekann­tes Online-Immo­bi­li­en­por­tal schätzt laut »FAZ« für die kom­men­den zwölf Mona­te Miet­stei­ge­run­gen von sechs bis sie­ben Pro­zent, und das bei einem sowie­so schon ange­spann­ten Mietenmarkt.

Die, die die­se Ent­wick­lun­gen am meis­ten trifft, sind übri­gens – Über­ra­schung – wie immer jene, die kein Pri­vat­ei­gen­tum an Grund und Boden haben und auch kei­nes an Inves­ti­ti­ons­gü­tern. Sie haben ledig­lich per­sön­li­ches Eigen­tum, sie kon­su­mie­ren, ver­brau­chen und gebrau­chen, zum Bei­spiel Woh­nun­gen zur Mie­te. Man erkennt sie dar­an, dass sie selbst kei­ne Prei­se erhö­hen kön­nen. Sie kön­nen ledig­lich ohn­mäch­tig zuse­hen, wie alles immer teu­rer wird. Im Fal­le von Woh­nen ist die­se in den herr­schen­den Eigen­tums­ver­hält­nis­sen ein­ge­schrie­be­ne Macht­lo­sig­keit ver­hee­rend: Woh­nen ist lebens­not­wen­dig, nie­mand kann frei­wil­lig sagen: Och, ist mir zu teu­er, dann wohn› ich halt nicht. Obdach­lo­sig­keit ist kein Ergeb­nis einer mün­di­gen Kauf­ent­schei­dung. Lang­fris­tig soll­te Woh­nen dem fahr­läs­sig anar­chi­schen Markt voll­stän­dig ent­zo­gen wer­den, weil es ein exis­ten­zi­ell lebens­wich­ti­ges Gut ist. Zum Bei­spiel durch Ver­ge­sell­schaf­tung – der erfolg­rei­che Volks­ent­scheid gibt die Legitimation.

Kurz­fris­tig soll­te man viel­leicht mal mit einem Mythos auf­räu­men: Infla­ti­on ist kein Natur­phä­no­men, wie ein Gewit­ter, wel­ches über uns kommt. Infla­ti­on ist das Ergeb­nis von mensch­li­chen Ent­schei­dun­gen, wenn jemand sagt, das mach ich jetzt teu­rer. Die Grün­de dafür sind viel­fäl­tig. Aber: Ent­schei­dun­gen kann man rück­gän­gig machen. Ein Gewit­ter nicht. Daher wäre nun eine radi­ka­le Preis­kon­trol­le gefragt. Man könn­te sich dabei ori­en­tie­ren an Lud­wig Erhard. Auf­grund exor­bi­tant gestie­ge­ner Prei­se erließ er unter dem Druck von Mas­sen­pro­tes­ten ver­schie­de­ne Maß­nah­men, die mehr oder weni­ger star­ke Effek­te von Preis­bin­dun­gen hat­ten. Sein Lieb­lings­kind, die freie Markt­wirt­schaft, soll­te nicht in Ver­ruf gera­ten. Aber soweit muss man gar nicht zurück gehen. Miet­preis­bin­dun­gen gab es immer wie­der. Und die, die unter der Infla­ti­on am wenigs­ten lei­den, kön­nen sich wie­der­um beru­hi­gen: Preis­kon­trol­len ret­ten den Markt. Sie heben ihn nicht auf.

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Herzlich Willkommen. Hier schreibt Sabine Nuss, Verlegerin und Autorin, über die Welt des Kapitals, über Arbeit und Natur, über das Privateigentum, aber vor allem: Wie alles mit allem zusammenhängt, wie es uns bewegt, wie wir es bewegen. Manchmal auch über Alltägliches.

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Ergänzung:

"Gemäß der Grundentscheidung der deutschen Rechts- und Wirtschaftsordnung gilt der Vorrang des Privateigentums vor staatlichen Eigentumspositionen."

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Sabine Nuss@SabineNuss

Nur um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen: Robert Habeck sagte, verstaatlicht wird, um Unternehmen am Markt stabil zu halten. #Sozialstaatsillusion

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